Doggerland


Was bringt die Morgenröte zum Erstrahlen, wenn doch nicht das Leuchten Christi?
Ihre Augen abschirmend wichen die Männer zur Seite, während sich das Holz
verbog und das Feuer die Planke vom Kiel trennte. Rumpf und Steuerkabine,
schwarze Blasen schlagend, barsten; das Herzstück des Frachtraums, das ihnen
Kraft schenkte, brannte und nahm allen die Sicht. Und lange bevor das Boot
abgewrackt wurde, rief die Mutter mich runter, um den Flüchen zu lauschen –
ganz leisen, aber in pulsierender Statik, Romulus an Remus. „Der da ist dein Vater“,
sagte sie, durch die wirbelnden Wellen sein düstere Profanität scharf stellend.


Der schwarze Hund, im seichten Wasser platschend und die Flut witternd,
kommt in der Dämmerung gegenüber der Mole an, im Dunkel der Marsch,
und wirft Blicke wie jemand, der durch ein Fenster ohne Vorhänge
Zärtlichkeiten beobachtet. Das Boot, hell leuchtend, gibt seinen Schatz
an silbrig-schwarze schieferblauen Fischen frei, die sofort sortiert werden,
und das Netz wird ausgeworfen, die Kisten gehoben, es wird gerufen
und geflucht durch das Knistern und Fauchen, das diese Welt beschützt
vor dem, was die Dunkelheit, alles stets einsperrend, enthüllen lässt.


Von steilen Seen gezwungen umzukehren, von der Nipptide-Bank aufgehalten,
im Todeskampf sehen sie die Küstenlichter schwächer werden und hören,
wie der Sturm an den Türen rüttelt und die Vorhänge zuzieht, aber einer Mutter
Blick fällt auf jemanden, der rastlos im Schlaf ein Bild bewegt:
Sie sieht die Glocken unruhig im Turm. Im selben Moment
feuert ein Rettungsboot ein Leuchtsignal. Worte, gepeitscht von Böen,
lassen die Männer sprachlos; die Seele, in ihr Leichentuch gezerrt, und doch
so schnell verschwunden, erleuchtet nur noch die schwarzen urgewaltigen Wellen.


Hör, ich war dir von Anfang an auf den Fersen. Ich kannte deine Klage, die mein
Schicksal war, und du mochtest den dir wohlbekannten Atem in deinem Rücken.
Denk an mich so, als wäre ich Erinnerung, Erbe oder Überlieferung. Verrat.
Und der Familienfluch. Ich bin dein Blut und hier ist mein Stammbaum: erst
getreten und geschlagen, dann in einem Hinterhof gefesselt verhungerte ich fast;
über den Stacheldraht gesprungen war ich bloß ein kläffender Fleck, in dem du
dein Elend versteckt hast. Schockiert von meinen Eingeweiden hast du weggeguckt,
während ich mit meiner Last zu dir lief, hoffnungsvoll und ängstlich, voller Erwartung.


Ich saß mit Shuck auf einer Kiesbank. Unsere Blicke verfolgten über den eiskalten
Strand ein Kind. Mit heraushängender Zunge lief ich mit dem Teufel.
Und der Junge eilte in den Wind, seine Augen brannten ihm von Salz und Sand.
Wie weh muss es tun, dachte ich, in den Sturm zu laufen und so zu weinen.
Nahezu mit Schrecken platschte ich durch eine Pfütze. Seinen Rücken wendend
sah der Junge durch Streusand und Tränen, wie Formen sich brechen am Rande
verschwommener Ferne, als wir ihn – immer noch auf der Suche nach Vergessenheit
oder Unterschlupf in den Wäldern – der Leere überließen und dann weiter tobten.


Doch als du dein Gewehr anlegtest und zielend innehieltest, nahm ich die Detonation
schon vorweg. Für einen Moment krümmte sich die Welt vor dem Gewehrlauf,
das Ziel faltete sich mitten im Flug und fiel zu Boden, verwundet oder tot. Ich ahnte
schon, was dann käme, die Hunde, tadellos und kühn, setzten dann über Grasbüschel
und Brombeersträucher, sich beim Laufen aneinander lehnend. Erlöst durch die Genialität
des Todes, sahen wir schon das Bild des Fasans, der die Flucht ergreift,
hörten ihn schrien, wie ich es kannte – dann das reglose Herz, die Haube
auf den goldenen Federn, ermattet aber, und zudem der blutbeschmierte Schnabel.


Wie der Wechselbalg in der Wiege das Kind beweint, so gedenkt die Basilika –
emporgehoben aus schon vor langer Zeit verwaisten Ruinen – der Apokalypse.
Fursa baute im Kastell Burgh. Felix begründete Dommoc in einer Festung, im Stich
ließen die Kriegsfürsten sie jedoch, und aus Angst vor der Rache der Nachkommen
warfen sie kein einziges Weib mehr zu Boden, in diesem verfluchten Land. Wo Feinde
im Sprechchor “Victory!” intonierten und dann, zum Schluss doch besiegt, starben,
und der Kuckuck feiert wie immer sein neues Gelübde. Aber die Diener Christi fürchteten
keine Dämonen, sie haben gesehen, wie das lebendige Wort Gottes den präexistierenden.


Staat aktiviert und, sich schnell ausbreitend, das ganze Land ergriffen hat.
Wenn alte Themen versagen, wütet die Schlacht in epischen Fragmenten.
Und so brennt der unermessliche Schatz der Tugend vor unseren Augen. Und die,
welche treu sind, schauen zurück auf die Hochburg, wo Lieder Götter herbeibeschworen
– zu ihrer gewohnten Rache. Wo Gläser glänzten. Ausatmend schnippte sie Asche,
während der Alte lachte; jeder sah zum anderen. Nigger und Paddy unterm Tisch,
mit Klette und Distelwolle gekrönt, ruckten und zuckten in Erinnerung an das warme,
blutgetränkte Federkleid, so eine Freude wie diese werden wir nie erfahren.


Das Nachleben des letzten verlorenen Zeitalters will einfach nicht vergehen. Die Glut
flackert wieder auf. Das im Kamin hausende Feuer erinnert an vergangenes. Dampfender
Hundegestank, ein feuchter Sack Kastanien; Amulette, die um die Feuerstelle verteilt liegen.
Am Morgen dann die Knoten aus Zeitungspapier, das Gitter aus Anzündholz,
halbfertig zusammengelegt, erfüllen das Zimmer mit ihrem Duft, einen neuen Tag ansagend.
Ich weiß es noch und höre, was einmal eine zündende Idee war, von jemandem,
der sich erinnert, kurz und beim klaren Verstand. Zukunft und Vergangenheit
in einer Wurzel, und einer Zunge entspringt dann die Gegenwart wie eine Flamme.

 

Aus dem Englischen von Artur Becker (Frankfurt am Main)
und Anna C. Brauckmann (Southampton).

Published in Ostragehege 109, March 2023.

 

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